Von der Diskussion zur Umsetzung
– Warum praktische Projekterfahrung zur wichtigsten Ressource der deutsch-ukrainischen Wirtschaftskooperation wird
Stuttgart , 27. Juli 2026: Das Wirtschaftsforum Baden-Württemberg – Ukraine bot den passenden Rahmen, um einen Wandel sichtbar zu machen, der sich seit einiger Zeit in der deutsch-ukrainischen Wirtschaftskooperation abzeichnet. Das große Interesse deutscher Unternehmen zeigt, dass die Ukraine zunehmend als relevanter Wirtschafts- und Investitionsstandort wahrgenommen wird. Gleichzeitig entwickelt sich die Diskussion weiter: Neben der Bewertung von Marktpotenzialen rückt immer stärker die Frage in den Mittelpunkt, wie konkrete Investitions-, Innovations- und Industrieprojekte unter den aktuellen Rahmenbedingungen erfolgreich entwickelt und umgesetzt werden können. Das Forum bot dafür wichtige Orientierung. Erfolgreiche Projekte entstehen jedoch dort, wo strategische Entscheidungen auf praktische Erfahrungen und belastbare Partnerschaften treffen.
Fachbeitrag | Autor: Jürgen Raizner, STZ-Leiter
Ein Wirtschaftsforum als Spiegel einer veränderten Realität
Mit rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und internationalen Organisationen gehörte das Wirtschaftsforum Baden-Württemberg – Ukraine zu den bedeutendsten deutsch-ukrainischen Wirtschaftsveranstaltungen des Jahres. Vertreter der Landesregierung Baden-Württemberg, führender Wirtschaftsorganisationen sowie hochrangige Gäste aus der Ukraine diskutierten über Investitionen, industrielle Kooperationen, Innovation, Fachkräfte und den weiteren Ausbau wirtschaftlicher Beziehungen.
Die Bedeutung der Veranstaltung lag jedoch nicht allein in der hochrangigen Besetzung oder der Vielfalt der vertretenen Institutionen. Besonders bemerkenswert war die Vielfalt der Perspektiven, mit denen Unternehmen heute auf die Ukraine blicken.
Während einige Unternehmen den ukrainischen Markt erstmals kennenlernen und sich einen Überblick über Chancen, Risiken und Rahmenbedingungen verschaffen möchten, arbeiten andere bereits seit vielen Jahren erfolgreich mit ukrainischen Partnern zusammen oder entwickeln ihre Aktivitäten trotz der schwierigen Rahmenbedingungen kontinuierlich weiter. Entsprechend unterschiedlich sind die Fragen, mit denen Unternehmen heute an den Markt herangehen – von der ersten Orientierung über die Suche nach geeigneten Partnern bis hin zur konkreten Vorbereitung von Investitionen, Innovationsvorhaben oder Industrieprojekten.
Gerade diese unterschiedlichen Erfahrungsstufen machten den besonderen Wert des Wirtschaftsforums aus. Es brachte Unternehmen zusammen, die sich erstmals mit dem Markt beschäftigen, ebenso wie Akteure, die ihre Erfahrungen aus der praktischen Projektarbeit einbringen konnten. Dieser Austausch schafft einen Mehrwert, der weit über klassische Marktinformationen hinausgeht. Denn erfolgreiche Projekte entstehen nicht allein durch die Kenntnis wirtschaftlicher Potenziale, sondern durch das Verständnis der konkreten Rahmenbedingungen, den Aufbau belastbarer Partnerschaften und die Fähigkeit, Projekte auch unter anspruchsvollen Bedingungen erfolgreich umzusetzen.
Besonders wertvoll war dabei der unmittelbare Austausch zwischen Politik, Wirtschaftsverbänden, Unternehmen und erfahrenen Praktikern. Während politische Beiträge die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und strategischen Ziele einordneten, ergänzten Unternehmensvertreter die Diskussion um konkrete Erfahrungen aus laufenden Projekten. Diese Verbindung unterschiedlicher Perspektiven verlieh den Gesprächen eine besondere Tiefe und machte deutlich, warum praktische Projekterfahrung heute zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren internationaler Wirtschaftskooperation gehört.
Wenn Projekterfahrung den Unterschied macht
Wenige Tage vor dem Wirtschaftsforum war Jürgen Raizner erneut in der Ukraine unterwegs. Gespräche mit Industrieunternehmen, Kommunen, Universitäten und internationalen Organisationen bestätigten dabei einen Eindruck, der sich bereits seit längerer Zeit abzeichnet: Trotz der anhaltenden Herausforderungen durch den Krieg entwickelt sich die wirtschaftliche Zusammenarbeit kontinuierlich weiter. Unternehmen investieren, Produktionskapazitäten werden modernisiert, internationale Partnerschaften ausgebaut und neue Projekte vorbereitet.
Diese Entwicklung verläuft häufig außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung. Während Medien verständlicherweise vor allem über militärische oder politische Entwicklungen berichten, arbeiten Unternehmen und Institutionen täglich an konkreten wirtschaftlichen Vorhaben. Standortentscheidungen werden vorbereitet, Lieferketten angepasst, Forschungskooperationen aufgebaut und Investitionsprojekte entwickelt. Die wirtschaftliche Entwicklung der Ukraine ist heute kein Zukunftsszenario mehr. Sie findet täglich statt – in Unternehmen, Industrieparks, Kommunen, Hochschulen und internationalen Kooperationsprojekten.
Gerade deshalb reichen allgemeine Marktinformationen für viele Unternehmen heute nicht mehr aus. Wer konkrete Projekte plant, benötigt belastbare Informationen aus der Praxis: Welche Regionen entwickeln sich besonders dynamisch? Welche Industriecluster verfügen über geeignete Partner? Welche Kommunen verfolgen eine aktive Wirtschaftsstrategie? Wie haben sich Lieferketten verändert? Welche Herausforderungen stellen sich bei Genehmigungen, Personalgewinnung oder Projektmanagement? Solche Fragen lassen sich nur begrenzt durch Marktstudien beantworten. Sie entstehen im direkten Dialog mit Unternehmen und Projektpartnern vor Ort.
Hier zeigt sich der besondere Wert kontinuierlicher Projektarbeit. Sie schafft nicht nur Erfahrungen für einzelne Vorhaben, sondern liefert Erkenntnisse, die sich auf weitere Projekte übertragen lassen. Aus jedem erfolgreich begleiteten Investitions-, Innovations- oder Kooperationsprojekt entstehen neue Netzwerke, ein besseres Verständnis regionaler Entwicklungen und wertvolle Erfahrungen für zukünftige Entscheidungen. Genau dieser Wissenstransfer bildet eine wesentliche Grundlage nachhaltiger internationaler Wirtschaftskooperation.
Podiumsdiskussion: Chancen und Herausforderungen neuer Geschäftsbeziehungen
Moderation
- Cornelia Frank (Baden-Württemberg International)
- Barbara Effenberger (IHK Region Stuttgart)
Unternehmenspanel
- Lilia Sedlar – Alfred Kärcher SE & Co. KG
- Michael Wellenzohn – HD Advanced Technologies GmbH
- Jürgen Raizner – Steinbeis GmbH & Co. KG für Technologietransfer
- Monika Hollacher – VDMA e. V.
Diskussionsschwerpunkte
- Aktuelle Entwicklungen der deutsch-ukrainischen Wirtschaftsbeziehungen
- Erfahrungen aus der Unternehmenspraxis
- Erfolgsfaktoren für nachhaltige Kooperationen mit der Ukraine
Weitere Informationen, das vollständige Programm und alle Referentinnen und Referenten:
Veranstaltungsseite des Wirtschaftsforums Baden-Württemberg – Ukraine
Die vollständige Agenda verdeutlicht die hochrangige Besetzung des Wirtschaftsforums mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Verbänden und Industrie.
Erfolgreiche Projekte in der Ukraine beginnen mit den richtigen Voraussetzungen
Unternehmen, die heute eine Zusammenarbeit mit der Ukraine aufbauen oder ausweiten möchten, stehen vor einer Vielzahl strategischer Entscheidungen. Dabei geht es längst nicht mehr ausschließlich um Investitionen. Ebenso relevant sind der Aufbau neuer Vertriebsstrukturen, die Entwicklung belastbarer Lieferketten, die Suche nach Innovationspartnern oder die Vorbereitung gemeinsamer Forschungs- und Entwicklungsprojekte.
Mit den Zielsetzungen verändern sich auch die Anforderungen an die Projektvorbereitung. Allgemeine Marktinformationen bilden dafür eine wichtige Grundlage, reichen für konkrete Entscheidungen jedoch nur selten aus. Unternehmen benötigen belastbare Informationen über Regionen, Branchen, potenzielle Partner und die tatsächlichen Rahmenbedingungen vor Ort. Ebenso wichtig ist das Verständnis dafür, welche Faktoren den langfristigen Erfolg eines Projekts beeinflussen.
Die Erfahrungen des STZ aus zahlreichen Industrieprojekten zeigen, dass wirtschaftliche Kennzahlen allein nie den Ausschlag geben. Langfristig erfolgreich sind jene Projekte, bei denen wirtschaftliche, technologische und regionale Faktoren von Beginn an gemeinsam betrachtet werden. Dazu gehören engagierte Kommunen, leistungsfähige Unternehmen ebenso wie Hochschulen, Berufsbildungseinrichtungen, und belastbare lokale Netzwerke.
Ein anschauliches Beispiel hierfür stellte Jürgen Raizner im Rahmen der Podiumsdiskussion des Wirtschaftsforums Baden-Württemberg – Ukraine vor. Am Beispiel eines aktuellen Projekts zur Vorbereitung eines Produktionsstandortes eines deutschen Industrieunternehmens in der Ukraine wurde deutlich, dass eine erfolgreiche Standortentscheidung heute weit über klassische Kriterien wie Grundstücke, Kosten oder Förderprogramme hinausgeht. Im Mittelpunkt stand vielmehr die Entwicklung eines regionalen Innovationsökosystems: die Zusammenarbeit mit Kommunen, Universitäten, Berufsbildungseinrichtungen und regionalen Wirtschaftspartnern ebenso wie Fragen der Fachkräftesicherung und langfristigen Wettbewerbsfähigkeit. Gerade dieses Zusammenspiel unterschiedlicher Akteure schafft die Voraussetzungen für nachhaltige Industrieprojekte.
Dass diese Erkenntnisse nicht nur für einzelne Industrieprojekte gelten, zeigt auch die internationale Zusammenarbeit. Im Rahmen der Kooperation mit der Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung (UNIDO) steht die systematische Vernetzung von Unternehmen mit Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Innovationsakteuren im Mittelpunkt. Ziel ist es, industrielle Herausforderungen frühzeitig zu identifizieren und daraus konkrete Innovations- und Technologieprojekte zu entwickeln. Obwohl sich Aufgabenstellung und Projektumfeld unterscheiden, ist die zentrale Erkenntnis dieselbe: Erfolgreiche Projekte entstehen dort, wo wirtschaftliche Ziele, regionale Kompetenzen und praktische Erfahrungen frühzeitig zusammengeführt werden.
Von der Diskussion zur Umsetzung
Das Wirtschaftsforum Baden-Württemberg – Ukraine hat eindrucksvoll gezeigt, dass die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Ukraine eine neue Phase erreicht. Das Interesse deutscher Unternehmen ist groß, die Themen werden konkreter und die Zahl der Projekte nimmt zu. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an eine professionelle Vorbereitung und Begleitung grenzüberschreitender Vorhaben.
Entscheidend wird deshalb sein, die Dynamik des Forums in konkrete Projekte zu überführen. Dafür braucht es Unternehmen mit unternehmerischem Mut ebenso wie belastbare Partnerschaften, leistungsfähige Netzwerke und Institutionen, die internationale Zusammenarbeit praxisnah unterstützen. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen, dass nachhaltige Kooperationen dort entstehen, wo wirtschaftliche Ziele mit regionalen Kompetenzen, Innovationskraft und langfristigem Vertrauen verbunden werden.
Gerade darin liegt die eigentliche Chance der deutsch-ukrainischen Wirtschaftskooperation. Nicht einzelne Veranstaltungen entscheiden über ihren Erfolg, sondern die Vielzahl konkreter Projekte, die daraus entstehen. Das Wirtschaftsforum hat dafür wichtige Impulse gegeben. Die Umsetzung beginnt jetzt.
Vom Interesse zum Projekt.
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